[Film] 127 Hours (2010 US/GB)

127-Hours-HeaderIch mag James Franco nicht. Ich mag auch Kate Mara nicht und Danny Boyle (Sunshine) respektiere ich, aber seine Filme zünden nicht immer so, wie sie soll(t)en. Aber.
Aber, aber, aber. Dann gibt es da ja noch 127 Hours.
Diese Tour de Force, die sich auf Aron Ralstons (James Franco) verhängnisvollen Kletterunfall konzentriert, und dabei eine unnachahmlich intensive Survivalatmosphäre entstehen lässt.

Mittlerweile habe ich den Film zum zweiten Mal gesehen und war entsprechend vorbereitet. Aber es wäre kein Film von Regietalent Danny Boyle, wenn er nicht schon mit kleinen Handgriffen ein ungemütliches Gefühl in der Magengegend entstehen ließe. Wenn sich Aron zu Beginn des Films auf diesen, für ihn eigentlich souveränen Trip, vorbereitet. Die Wasserflasche lässt er unter dem fließenden Wasserhahn stehen, während er sich seinen Kram zusammensucht, im Schrank nach seinem Schweizer Offiziersmesser greift und es nicht erreicht. Na wird schon schiefgehen. Das Wasser sprudelt über. Der gewohnte Griff zum Ventil und der Strom des lebensspendenden Elixiers bricht ab. Nicht ganz, denn so kleinlich wie Boyle nun mal ist, verweilt die Kamera kurz auf den kleinen perfekten Tropfen Wasser, die sich noch kurze Zeit nachbilden. Ja er zelebriert diese kurzen kruden Momente förmlich. Und jeder der den Film schon gesehen hat, weiß auch warum. Weiß um diese perfide narrative Führung. Lässt den Zuschauer schon jetzt leiden, während Rolston sich selbstsicher auf den Weg macht und immer munter werdender zum Gelände fährt, welches er wie seine Westentasche kennt. Sich vor dem Trip in seinem Kombi nochmal aufs Ohr legt um die Akkus für den kommdenen Tag aufzuladen, ehe das Abenteuer beginnt.

Die Bilder sind warm, gemütlich, gesättigt. Alles ist so wie es sein sollte, selbst der kleine Abstecher mit zwei wandernden Mädels passt hier gut in den Kram. Denn 127 Hours feiert das Leben.
Selbst in Ralstons dunkelsten Momenten streut Regisseur Boyle surreal anmutende Elemente ein, die dem eingeklemmten Bergsteiger immer wieder Mut zusprechen. Selbst wenn alles von der Kopfsache her nur noch bergab gehen kann. Aber auch wenn es hart ist – aufgeben ist hier nicht drin. Das Wasser wird rationiert und der geübte Kletterer muss improvisieren. Und er versucht gefühlt alles. Doch es will nicht. So dreht er nach Stunden und Stunden und Stunden verzweifelt am Rad. Versucht sich selbst und den kraftlosen Körper mit zynisch dämlichen Witzen aufzumuntern, den Geist nach Tagen in der Felsspalte wieder auf Trab zu bringen, auch wenn er innerlich vielleicht schon mit sich abgeschlossen hat.
Aber er ist ein Kämpfer und beißt sich auf die Zähne. Und James Franco spielt sich dabei förmlich die Seele aus dem Leib. Er lebt für den Zuschauer diese Verzweiflung, in der sich Ralston befindet, bis ins Mark aus. Eine One-Man-Show, die intensiver nicht sein könnte, vor der man den imaginären Hut ziehen muss. 94 Minuten knallharter Überlebenskampf, bei dem man sich aus miterlebter Verzweiflung nicht traut, selbst einen Schluck Wasser zu trinken. Weil man sich die trockenen Lippen vorstellt und den Sand in dem kleinen Canyon förmlich schmeckt. Und dann die entscheidenden Minuten. Die finale Kampfansage. Doch nicht gegen die Natur. Gegen die Situation. Es sind die drastischen Bilder und die Inszenierung an sich, die den Schmerz übertragen. Diesen stechenden Schmerz an der Vene mit diesem brutalen Kreischen so fühlbar machen, dass es selbst schmerzt. Dass es vom bloßen Zuschauen schmerzt.
Die Kamera mag nah dabei sein, aber das Gefühl ist noch näher dran. Man steckt selbst in dieser verdammten Spalte fest.

Was für ein Trip diese 172 Stunden sind. Was für ein grauenvoller Gedanke es ist, sich selbst in so einer Situation zu sehen, weil man dank Danny Boyle und James Franco so nah dabei ist. Da bekomme ich jetzt schon wieder Gänsehaut.
Na wenigstens nehme ich seither immer ein geschärftes Taschenmesser mit auf Tour…

8,5/10 Punkte

127-Hours-Poster127 Hours
Jahr: 2010 US/GB
Regie: Danny Boyle | Drehbuch: (+) Simon Beaufoy
Cast:
James Franco, Kate Mara, Amber Tamblyn, Clémence Poésy, Treat Williams, Kate Burton, Lizzy Caplan

Bilder via imdb.com [© 2010 Fox Searchlight]

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10 Kommentare zu “[Film] 127 Hours (2010 US/GB)”

  1. Ja, definitiv ein wunderbar packender Film – und trotz aller dramatischen Ereignisse so wunderbar lebensbejahend. Ich weiß echt nicht, ob ich in der Situation den Mut und Lebenswillen bewiesen hätte. Großartig inszeniert von Boyle und toll gespielt von Franco!

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  2. Einer der Filme, die mich trotz bekanntem Ausgang so unglaublich mitgerissen haben! Aber nun sag mir mal eine: Wie kann man den den grundsympathischen Kindskopf James Franco nicht mögen? “Look at his sheeeiit!“

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    1. Das stimmt. Man zittert immer wieder mit.
      Ich weiß es doch auch nicht. Franco ist so ein Typ, mit dessen Art ich einfach nicht zurecht komme. Von der Rollenauswahl mal ganz zu schweigen. Auf „Spring Break“ habe ich bspw. so überhaupt gar keinen Bock, bei „The Interview“ schaut es nicht anders aus.

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