[Film] Girl on the Train (US 2016)

Es ist wie es ist und was ist muss gesagt werden. Eines der von mir groß angepeilten Kinohighlights des Spätjahres 2016 rollt durch die Kinos und versucht dem Hype, welcher  im Vorjahr bereits die Romanvorlage umgab, weiterzutragen. Ob das mit einem ambitionierten Cast gelingt?

Die Antwort lautet nein.
Girl on the Train konzentriert sich allen voran auf die Darstellung der Alkoholikerin Rachel (Emily Blunt), die Tag ein Tag aus mit dem Zug an einem bestimmten Haus vorbeifährt und gedankenverloren ihre Besitzer für den Bruchteil einer Minute in ihrem Alltag beobachtet. Alle sind glücklich, alle lieben sie ihre Familie.
Bis Rachel etwas sieht, dass die glückliche Fassade der Beobachteten bröckeln lässt…

Die Grundprämisse gibt entsprechend viel her und verspricht entweder ein Drama mit Thrillerelementen oder einen Thriller mit Dramaelementen. Regisseur Tate Taylor entschloss sich für ersteres, was in Anbetracht des Resultats die schwächere Variante zu sein scheint. Während ein Thriller für gewöhnlich eher mit rasenden Plottwists verzückt, liegt es in der Natur des Dramas, mit überzeugenden Figuren in einem angespannten Verhältnis zu hantieren. Und in Girl on the Train gibt es reichlich dieser Spannungen. Alkoholikerin Rachel, die aufgrund ihres selten nüchternen Pegels permanent auf Konfrontationskurs geht, ist ein Spannungsfeld für sich, und erst recht in Kombination mit den anderen. Allein das sorgt für regelmäßiges Anecken innerhalb der Geschichte, da möchte man von den anderen Figuren gar nicht erst anfangen, die allesamt ihr eigenes Süppchen kochen. Das Kindermädchen Megan (Hayley Bennett), das gleich dreifaches Spannungspotenzial bietet, und und und.

Es ist, als würde ein Problem allein nicht ausreichen und das Drehbuch (oder die Romanvorlage?) wisse nicht, was es damit anzufangen habe. Letzten Endes liegt es jedoch in der Verantwortung der Regie, all das zusammenzuführen und miteinander zu verbinden. Vorzugsweise mit Spannungselementen, die den Zuschauer packen und bis zum Ende nicht mehr loslassen. Und hier versagt Girl on the Train komplett. Er verfügt über die notwendigen Zutaten und reiht diese klinisch aneinander, versucht mittels inflationär genutzter Close Ups der Gesichter die angespannten Gefühlsregungen zu forcieren und gibt sich bemüht bodenständig. All das in einem Schneckentempo, das einem die Geschichte mit all ihrer vermeintlichen Mystery-Dramatik so leidig vermiest, dass es  einem schon völlig egal sein kann, wenn der Film im letzten Drittel endlich das Tempo anzieht und das Netz, das alle Figuren miteinander verbindet, enger zieht. Die Wirkung verpufft, bevor sie überhaupt zum tragen kommen kann, was wiederum für zusätzliche Monotonie sorgt.

Noch unglücklicher entpuppen sich dabei die als Stilmittel genutzten Flashbacks, die zwar mittels Texttafel angekündigt werden, aber nur selten klar abgeschlossen werden. Nicht nur die gehäufte Anzahl an Rückblenden erscheint anstrengend, auch der schleichende  Wechsel von der Vergangenheit zur Gegenwart nagt zunehmend an der Geduld, da diese Grenzen auch narrativ sehr unglücklich aufgehoben werden. Es ist nichts gegen eine fordernde Erzählstruktur einzuwenden, aber so verlangsamt sich der Film noch weiter, als es ohnehin bereits der Fall ist und etwaige Spannung weigert sich, gar erst aufzukommen.

Kann also wenigstens die Besetzung etwas an diesem Trainwreck reißen? Ich bin mir tatsächlich unschlüssig, ob Emily Blunt großartig oder regelrecht durchschnittlich spielt. Womöglich etwas von beidem, schließlich spielt sie eine völlige Durchschnittsfrau, die irgendwann völlig abzudrehen scheint. So entpuppt sich die Erzählung als unzuverlässig, schließlich kann man einer Schnappsdrossel nur selten trauen. Ein netter Kniff des Drehbuchs, der dem ganzen etwas Spin verleiht und sich auszahlen soll, da es dem ganzen ein höheres Erzähltempo aufzwingt und für den ein oder anderen netten Twist sorgt, der sich aus dem trödelnden Einheitsbrei abzuheben weiß. Abgesehen von Blunt und Justin Theroux halten sich die anderen Leistungen jedoch in Grenzen, worauf aus Rücksicht auf Spoiler aber nicht näher eingegangen werden sollte. Am enttäuschendsten ist jedoch Rebecca Ferguson, der ich nach ihrem charismatischen Auftritt in  Mission Impossible – Rogue Nation so viel zugetraut hatte, in schierer Bedeutungslosigkeit versinkt. Dabei muss jedoch erwähnt werden, dass einiges davon in der Schuld des Scripts liegt,  welches mit vielen Standardphrasen und -situationen um sich wirft. Vom reinen Auftreten her, kann sie sich dennoch nicht aus der Affäre ziehen und  vermag nichts in diesem müden Dramathrill zu reißen. Charaktertechnisch wird den schablonenhaften Figuren ohnehin kaum etwas einzigartiges verliehen und wenn, dann geschieht es gleich doppelt und dreifach, was dem ganzen auch wieder die Bedeutung raubt. Die Ambitionen sind groß, die Umsetzung hingegen holt das denkbar schlechteste aus dem Ganzen heraus.

Girl on the Train ist ein spannungsarmes Trainwreck, das einfach nicht weiß, wohin es denn überhaupt will. In dösiger Monotonie krebst dieses Mysteryding durch die Kinowelt, glaubt in alles oder nichts-Manier für Aufsehen zu sorgen und fällt damit regelmäßig auf die Schnauze. Die Spannung tritt erst ein, wenn es bereits zu spät ist und sich keine Sau mehr für die finale Auflösung interessiert. Die in ihrer grotesken Art jedoch noch einen letzten Aufruf zur Anteilnahme herausstößt und denken lässt, was wäre wenn…? Am Ende erzwingt der Film zu viel und muss sich seinen zu hoch gesteckten Ambitionen mangels gekonnter Umsetzung beugen. Ein Erfolgsfall wie Gone Girl bleibt also aus.

4/10 Punkte

film-girl-on-the-train-us-2016-posterGirl on the Train
Jahr: 2016 US
Laufzeit: 112 Minuten
Regie:  | Drehbuch: Erin Cressida Wilson (Vorlage: Paula Hawkins)
Kamera: Charlotte Bruus Christensen
Musik: Danny Elfman
Cast:
Emily Blunt, Haley Bennett, Rebecca Ferguson, Justin Theroux, Luke Evans, Édgar Ramírez, Laura Prepon, Allison Janney, Darren Goldstein, Lisa Kudrow

Bilder [© Constantin Film]

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3 Kommentare zu “[Film] Girl on the Train (US 2016)”

  1. Ich habe (frag nicht, warum) das Buch angefangen… aber es blieb bei dem „Angefangen“. Ich fand schon das Buch sehr langweilig und belanglos, weswegen ich nach so knapp 50 Seiten einfach aufgehört habe. Der Film reizt mich dadurch natürlich noch viel weniger, aber da ich überall fast nur Negativ-Kritiken lese, fühle ich mich bestätigt.

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  2. Man kann über den Film sagen, was man will. Und dem, was du sagst, kann ich nur zustimmen. Aber die weiblichen Darstellerinnen sind der Traum. Hach.
    Aber davon abgesehen kann wirklich nur die letzte halbe Stunde überzeugen. Alles davor ist zum Einschlafen. Vollste Zustimmung.

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    1. Hmm, ja. Ferguson fand ich aber leider(!) wirklich eindimensional verkörpert. Da sah ich keinen richtigen Mehrwert, schiebe das aber ebenfalls aufs Drehbuch. Dass die Dame Profil zeigen kann, hat sie ja bereits gezeigt.

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