[Film] Wonder Woman (2017 US/CN/HK)

Der Hype schlägt um sich und DC scheint endlich mal etwas richtig gemacht zu haben: Wonder Woman bläst die Konkurrenz am Box Office förmlich weg. Es könnte also etwas dran sein, an diesem Blockbuster?

In der Tat macht Regisseurin Patty Jenkins vieles verdammt richtig: Die Action ist impulsiv gestaltet und dank der Zeitlupen gleichermaßen intensiv wie imposant in Szene gesetzt, das Rollenverhältnis zwischen Superheldin Diane und Sidekick Steve Trevor spritzig, ohne dabei zu dominant zu wirken und die Hintergrundgeschichte Dianas auf Themyscira ist wahnsinnig mitreißend (manchmal erinnerte es mich gar an Ridley Scotts Gladiator…). Ja mei, damit könnte sich im Prinzip auch enden lassen.

Schon die ersten Minuten lassen Zweifel daran, ob es sich überhaupt um einen DC, respektive Superheldenfilm handelt: Satte Farben knallen nur so auf die Kameralinse, Amazonen schwingen die Schwerter in knappen Rüstungen und nicht eine einzige Fanserviceeinstellung, überhaupt unterliegt hier weitestgehend nichts den Zwängen, sich der anbahnenden Justice League und folgendem unterwerfen zu müssen. Sehen wir dabei von den überflüssigen Gegenwartsepisoden zu Beginn und Ende einmal ab… Wonder Woman ist mitreißend und macht Laune. Der Cast ist bis in die Spitzen passend besetzt und auch die Handlung selbst ist bis zu einem gewissen Grad so gelungen, dass es nichts zu meckern gibt.

Dennoch lässt sich eine graduelle Verschlechterung innerhalb der Umsetzung nicht bestreiten. Stärkstes Stück des Films ist ganz klar die Einführung der Amazonen von Themyscira, der paradiesischen Insel im Mittelmeer unter der Führung von Königin Hippolyta (Connie Nielsen) und General Antiope (Robin Wright). Der Rest ist geschenkt, beschränkt sich die Narration doch auf das Heranwachsen der jungen Diana (Gal Gadot), die heimlich den Kriegerinnen nacheifert. Es ist süß, es ist kurzweilig und auf das Wesentliche beschränkt. Die Trainingssequenzen sind zudem auch nach der zigsten Slow-Motion-Einstellung noch immer beeindruckend und der erste große Kampf am Strand erinnert in seiner Intensität an diverse D-Day-Kriegsfilme, und das auch ganz ohne Blut. Es liegt etwas beruhigendes darin, zu sehen, wie Stimmungsfelder evoziert werden können, auch ohne an den Grenzen eines Ratings kratzen zu müssen (wobei Wonder Woman später noch durchaus großzügiger wird, wenn es darum geht, die Schrecken des Ersten Weltkriegs abzubilden). Auch die Einführung Steve Trevors (Chris Pine) ist gelungen, die Chemie zwischen ihm und Diana stimmt und sorgt für zahlreiche heitere Momente, die auch im weiteren Verlauf nie lächerlich erscheinen und den Flick vor der Absurdität bewahren.

Den ersten Grund zur Skepsis bietet sodann die erste Reise nach London. Das Stimmungsbild ändert sich merklich, das Colorgrading nimmt zu, der Krieg ist zum Greifen nah. Wonder Woman will ihre Wunder wirken und gegen das Böse auf der Welt kämpfen. Dieses wird sodann auch unabhängig und dezent geschichtsverklärend mit Ludendorff (Danny Huston) und Dr. Maru (Elena Anaya) etabliert, die leider beide kantenlose und für den Plot weitestgehend redundante Figuren bleiben, auch wenn sie an manchen Stellen als Katalysator der Handlung dienen, was aber auch ohne diese Figuren im Rahmen des Möglichen gewesen wäre. Es sind klassische zusammengewürfelte Antagonisten, so blass und farblos, wie es in dem Genre üblich ist.

Begrüßenswert hingegen ist der ernste Umschwung, den der Film mit seinem Settingswechsel zusätzlich vornimmt. An mancher Stelle durchaus noch süffisant kommentiert, verkneift er sich jedoch eine Verklärung der Grauen des Ersten Weltkriegs. Stellungskrieg und Giftgaseinsatz, Scharfschützen und das Niemandsland. Verwundete werden abtransportiert, die Verletzungen werden gelegentlich drastisch im Bild gezeigt. Auch wenn romantisiert erscheint, wie Diana „Wonder Woman“ Prince aufs Schlachtfeld stürmt und das Geschützfeuer auf sich zieht, so relativieren sich solche Szenen durch darauffolgende Ereignisse. Man könnte glatt von Respekt vor den damaligen, furchtbaren Geschehnissen sprechen, die nicht für selbstinszenatorisches Comicrelief verharmlost werden (obwohl es auf den ersten Blick genau so wirken mag). Die Herangehensweise der Rhetorik unterscheidet sich deutlich von der eines ersten Captain America Films, was frischen Wind in die Thematik bringt und mit einem gewissen Grad an Seriosität belohnt.
Dazu gesellt sich der einschüchternde und gleichermaßen mitreißende Score von Rupert Gregson-Williams, der den intensiven Momenten eine epische Tragweite verleiht. Das musikalische Hauptthema geht unter die Haut und bietet wunderbaren Wiedererkennungswert (zudem lässt sich heraushören, dass hier ein Gregson-Williams am Werk ist; der Score ähnelt doch sehr der Herangehensweise seines Bruders Harry, der u.a. bei The Rock – Fels der Entscheidung mitgewirkt hat…).

[Film]-Wonder-Woman-(2017-US)-Gal-Gadot

Im finalen dritten Akt verkommt Wonder Woman jedoch zu einem der schlechtesten Superheldenfilme der Neuzeit. Es fühlt sich an, als wäre die Regie ausgetauscht und das Drehbuch nicht zu Ende geschrieben. Überhaupt fällt mit einem Schlag der gesamte Film wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Natürlich ist einiges so angelegt, dass man zügig heraus hat, wie der Hase läuft. Das Antagonistenduo spielt genau so, wie es zu erwarten wäre und bleibt entbehrlich. Damit hat es sich jedoch auch schon, denn die Auflösung des ganzen Spektakels ist unglaublich lieblos dahin geklatscht und erinnert an jeden einzelnen Superheldenblockbuster der 2000er Jahre: Die eigentlichen Bösen sind austauschbar und das große Ganze muss von einem, bis dahin nicht in Erscheinung getretenen, Überantagonisten vollends in Schutt und Asche gelegt werden. Und Wonder Woman stolpert über diesen Stein mehr als bloß einmal. Das Finale ist ein Fass mit doppeltem Boden, entledigt sich jedweder Sympathie und Empathie, ergötzt sich an durchwachsenen Special Effects und liefert den selben Bockmist, wie es Batman v Superman: Dawn of Justice und zahlreiche MCU-Filme vorher taten: Pure Langeweile und Unglaubwürdigkeit, die schwer zu schlucken ist. Es ist schon eine Ansage, wenn bei der Enthüllung des Bösewichts ein Seufzen durch die Reihe schleicht und sich jeder Zweite vor Fassungslosigkeit in den Kinositz vergräbt. Wo vorher noch Detailverliebtheit und impulsive Action Atemlosigkeit verursachten und Patty Jenkins Regie den Eindruck vermittelte, sich von den ganzen Fehlern des Genres loszusagen, verfällt sie nun in freudige Ekstase, jeden einzelnen dieser Missstände in den sonst so gekonnten Film einzuschleusen. Das hat Wonder Woman zu keinem Zeitpunkt nötig und gestaltet das langwierige und wenig überraschende Finale als Brechstange mit altbekannten Mustern nur noch schwerer zu ertragen, als es bei anderen Genrekollegen der Fall ist. Vor allem, wenn die Motivation nur darin liegt, warum Wonder Woman so handelt, wie sie eben handelt. Was übrigens in nicht minder unspannenden Monologen mündet, die aus Glückskeksen zusammengewürfelt erscheinen.

Auf einen Vergleich mit Zack Snyders Filmen verzichte ich an dieser Stelle. Zwar ist die Verknüpfung von Mythologie und (realem) Kriegsgeschehen unübersehbar, allerdings kann ich dem Ganzen nicht unmittelbar etwas Schlechtes mit Ausnahme der Auflösung abgewinnen. Aber das liegt eher am Drehbuch, denn an der Umsetzung an sich.

Wonder Woman ist ein frischer (Auf)Wind im Superheldeneinheitsbrei. Die Besetzung ist fantastisch und die Darsteller wirken nicht so steif in ihren Rollen, gerade auch was den aufheiternden Humor anbelangt. Die Amazonen zu Beginn rocken schlichtweg und der Respekt ist zu jeder Sekunde spürbar. Das einzige was hier fehlt, ist die Konsequenz, sich sämtlichen modernen Denkmustern in der Auflösung des Plots zu entsagen. Denn diese werden immer unspektakulärer und liebloser hingerotzt, sodass auch eine bezaubernde Gal Gadot nichts dagegen auszurichten weiß.
Die einzige Lösung: Ein Solofilm über die Amazonen von Themyscira muss her! 😉

6,5/10 Punkte

[Film]-Wonder-Woman-(2017-US)-PosterWonder Woman
Jahr: 2017 US/CN/HK
Laufzeit: 141 Minuten
Regie: Patty Jenkins | Drehbuch: Allan Heinberg
(basierend auf William Moulton Marstons Werk)
Kamera: Matthew Jensen
Musik: Rupert Gregson-Williams
Cast:
Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Saïd Taghmaoui, Ewen Bremner, Eugene Brave Rock, Lucy Davis, Elena Anaya, Lilly Aspell, Lisa Loven Kongsli, Ann Wolfe, Ann Ogbomo, Emily Carey

Bilder [© 2015 Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC]

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14 Kommentare zu „[Film] Wonder Woman (2017 US/CN/HK)“

  1. Ja, in der Tat ein sehr ähnliches Lob- und Kritikverhältnis. Ich finde das Finale tatsächlich nicht ganz so schlimm wie du, da ich, trotz der, sagen wir mal, eher holprigen Inszenierung und den „Snyderismen“ in den ersten beiden Akten bereits genug Investment in die Figuren gesammelt habe, um trotzdem noch emotional involviert zu sein.

    Zumindest ein paar Amazonen werden wohl auch in „Justice League“ auftauchen – ob das jetzt positiv ist oder nicht, kann man freilich noch nicht sagen. Auf jeden Fall schreibt Danny Elfman jetzt die Musik, zumindest das finde ich sehr positiv. 😉

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    1. Ich finde es schwer und hin und wieder zu weit hergeholt, um den „Snyderismen“ (super Begriff) zu verfallen oder mich daran zu stoßen.
      Die (guten) Charaktere sind auch allesamt durchgehend gut gestaltet, das ist nicht das Problem. Lediglich das Verfallen in altbekannte Strickmuster lähmt doch einiges.

      Ja, die Teilnahme an der JL haben diverse Damen schon bestätigt. Freut mich sogar ein wenig, auch wenn mich der Film selbst nicht im geringsten reizt. Der Trailer war… wenig ansprechend.
      Bei den Scores hat DC mMn eh die Oberhand. Da gibt es ganz vorzügliche musikalische Motive mit Wiedererkennungswert, was heutzutage leider Seltenheit ist.

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      1. Bei den DC-Scores würde ich glatt widersprechen 😉 Bis auf „Wonder Woman“ fand ich alle bisherigen DCEU-Scores (früheres Material von Danny Elfman, John Williams, John Ottman oder Shilrey Walker im DC-Bereich ist natürlich etwas ganz anderes) ziemlich fürchterlich. Mir sagen diese kaum variierten Minimalmotive überhaupt nicht zu, vom generellen Stil her gar nicht erst zu sprechen; ich bin auch kein großer Fand des Wonder-Woman-Motivs. Da sind mir die meisten MCU-Scores weitaus lieber.
        Die Justice-League-Trailer fand ich aber ähnlich unterwältigend – schon wieder diese grau-in-grau-Optik von „Batman v Superman“. Ich bin ja mal gespannt, ob die Beteiligung von Joss Whedon diesbezüglich etwas ändert, zumindest gerüchtehalber geht der Komponistenwechsel ja auf ihn zurück.

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        1. Immerhin lässt sich da stellenweise von Motiven sprechen. Das fehlt mir häufig bei Marvel. Dort fehlen sie zwar nicht gänzlich, aber sie verschwinden so schnell wieder aus dem Ohr, dass es auch nicht sonderlich spektakulär ist. Dann doch lieber ein klassisches Leitmotiv.

          Die Optik ist aber auch ein Graus und stört mich inzwischen sehr. Obwohl ich sowas „gritty“-mäßiges eigentlich sehr gerne sehe. Aber so wirkt es zu gewollt und kindisch.

          Btw. Schon bekannt? https://www.youtube.com/watch?v=hpWYtXtmEFQ

          Ach, der Whedon. Da kann Regie fürhren, wer will. Es braucht schon einiges, um mit dem Film was reißen zu können.

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          1. Kann ich nicht ganz folgen, im Gegenteil. Ich fand die Themen der letzten Marvel-Filme, primär „Doctor Strange“ und „Ant-Man“ sehr einprägsam. Von Danny Elfmans Arbeit an „Age of Ultron“ war ich sogar ziemlich begeistert. Sicher sind das keine Themen, die das Rad neu erfinden, aber doch Themen mit mehreren Phrasen und tatsächlichen Melodien. Gerade bei „Ant-Man“ fand ich alleine den Begleitrhythmus des Themas sehr markant und äußerst gut eingesetzt. „Civil War“ ist die Ausnahme, das ist ein sehr motivischer Score, interessant, aber alles andere als einprägsam. Falls du die letzten X-Men-Spin-offs miteinbeziehst, da gebe ich dir recht, da hört man tatsächlich kaum was raus, den Score von „Logan“ fand ich extrem schwer greifbar (bestand auch praktisch ausschließlich aus Dissonanz) und „Deadpool“ hatte zwar ein Motiv, aber das wurde nie variiert und ging gnadenlos unter.

            Jau, das kenn ich schon, fand ich sehr gut. Stimmt schon BvS hat das bessere Schwarz. Aber davon abgesehen ist der Film trotzdem hässlicher als die MCU-Streifen 😉
            Farblich interessant fand ich auch die veröffentlichten Bilder von Aquamans Eherfrau Mera, es gibt eines aus JL und eines aus dem kommenden Aquaman-Film. Im JL-Bild trägt sie praktisch grau, im Aquaman-Bild leuchtendes Meergrün 😀

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  2. Ich hoffe, du meinst nicht diesen hier, daran gibt es nichts auszusetzen, zumindest nichts, was mir auffallen würde. Bei einem Film über Themyscira bin ich ganz bei dir. Von mir aus drei Stunden lang!

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    1. Doch, genau die. Manchmal merkt man schon beim schreiben, wie ungut etwas ist. Aber egal. Veröffentlicht ist veröffentlicht.

      Naa, drei Stunden vielleicht nicht, aber so knappe zwei geht schon in Ordnung. Immerhin wird man ein paar der Damen in „Justice League“ wiedersehen können…

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  3. Da ich eh immer von den meisten Superheldenfinalen gelangweilt bin, hat mich dieses weder überrascht noch gestört. Viel nerviger war für mich dieses JL-getriggere am Anfang und Ende mit dieser doofen Präsenz des Bruce Wayne. Hat mich total herausgeholt.
    Ich fand Ludendings und Dr. Poison cool, man hätte denen nur mehr Freiraum zum noch unheimlicher etc. sein geben sollen.
    Ansonsten hätte man von mir aus auch einfach einen coming-of-age-Film auf der Insel abliefern können. Hätte ich mir auch drei Stunden angeguckt.
    Hi hi CGI. Hi hi. Gott mit Bart. hi hi.

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    1. Da gehe ich mit. War allerdings abzusehen, auch wenn es dezenter gestaltet werden müsste. Bin jedoch überrascht, dass es sich nur auf den Anfang und das Ende beschränkte. War dann nicht ganz so schlimm und bemüht wie bspw in Batman v Superman.
      Die beiden Grufties waren ganz nett, aber eben diese 0815-Standardware. Da fehlt mir immer das Unvorhersehbare, um überhaupt noch einen Reiz zu haben.
      Bei deinem Liebling ist mir ja wortwörtlich die Kinnlade runtergefallen. Vor Frust. Peinlicher ging es kaum. 😀

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    1. Die extreme Zeitlupe, das aufsichlenken des gegnerischen Feuers und die sich daraus ergebende Möglichkeit, aus diesem Grabenkrieg auszubrechen.
      Ich mein, klar, ich hatte bei der Szene Gänsehaut wie nur selten, aber es lässt bei mir diesen üblen Beigeschmack von Verklärung zurück. Als wäre das Problem zu einfach gelöst, verstehst du was ich meine? An sich funktioniert die Szene super, aber es wird zeitgleich auch so unglaublich viel relativiert.

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