[Literatur] Naokos Lächeln (1987)

Ich merke allmählich, wie sehr ich nach literarischer Abwechslung lechze. Denn obwohl ich noch immer nicht genug von Haruki Murakamis Werken bekommen kann, machte sich bei der Lektüre dezente Stilmüdigkeit breit. Damit ist jedoch hier und jetzt Schluss, womit wir auch gleich beim Thema wären und direkt mit der Besprechung loslegen.

Wenn wir über Naokos Lächeln reden, dann reden wir über eines der populärsten Werke der japanischen Kultur, welches gerade unter Jugendlichen hohen Anklang fand und auch heute noch immer findet. Die Geschichte spielt sich während der Studentenproteste Ende der 60er Jahre ab und handelt vom jungen Studenten Tōru Watanabe, der sich zu zwei völlig unterschiedlichen Frauen hingezogen fühlt und mit sich und seiner Unschlüssigkeit hadert. Denn während die eine, Naoko, geheimnisvoll und verschlossen ist, geht Midori in ihrer lebenslustigen und extrovertierten Art auf.

Es verwundert mich, dass ausgerechnet dieser Roman das Groß an Aufmerksamkeit unter Literaturfreunden erhält und zudem noch eine Verfilmung nach sich ziehen durfte (dazu an anderer Stelle mehr). Denn… es gibt weitaus bessere Romane von Murakami.
Woran liegt es also, dass Naokos Lächeln so beliebt ist? Liegt es an der Ich-Perspektive, die den Leser noch näher als sonst an die Gefühlsregungen eines jungen Mannes führen soll? An der Art wie Tōru sein Leben lebt? Oder gar an der Situation, in der er sich befindet? Das ist schwer zu sagen.

Das ist wirklich schwer zu sagen, denn anders als in seinen späteren Romanen, schafft es der Kultautor dieses mal nicht, die erzählte Geschichte lebendig erscheinen zu lassen. Zwar streift der Leser als Tōru durch sein junges Leben, auf der Suche nach dem Liebesglück, dennoch bleibt alles rundherum ungewöhnlich blass. Schon der Einstieg wirkt unpersönlich, das Gefühl für die Zeit geht zusehends verloren. Wenn nicht gerade davon berichtet wird, wie Studenten an den Unis protestieren, könnte man meinen die Handlung würde in der Gegenwart spielen. Alles ist so weit weg und abgesehen von vereinzelten Charakteren rückt auch kaum etwas näher. Die für Murakami durchaus übliche Geheimniskrämerei rund um die verschwiegene Naoko funktioniert nur schwerlich, denn abgesehen von ihren „wundervollen Rundungen“ lässt sich kaum nachvollziehen, was Student Watanabe so wirklich an ihr findet. Das ist unglücklich, handelt es sich doch vorrangig um eine Liebesgeschichte, die geradewegs in die Depression abgleitet. Sowohl im wortwörtlichen als auch übertragenen Sinne. Wäre da nicht Midori, die aus der Tristesse ausbricht und mit ihrer direkten Art so ziemlich alles in Watanabes Leben auf den Kopf stellt. Dadurch dass Midori so ziemlich in allen Belangen als Kontrastfigur dient, macht es das Ganze auch nicht leichter, denn durch ihre überspitzten Charaktermacken tut man sich genauso schwer ihr etwas abzugewinnen. Allerdings funktioniert das hier trotzdem noch weitaus besser, als mit Naokos Wesen. Und dazwischen steckt Tōru, der so ziemlich in den Tag hineinlebt. Er verkörpert den gewöhnlichen jungen Mann, das Abziehbild einer Generation, weshalb sein Charakter noch am zugänglichsten ist. Das ändert sich glücklicherweise auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht, so sind es doch seine Sorgen und Gedanken, die schon so manchen Heranwachsenden gequält haben und daher zur Identifikation dient.

Nun entwickelt sich Naokos Lächeln jedoch in eine ungewohnt düstere Richtung. Im Original lehnt sich der Buchtitel an den Beatlesklassiker „Norwegian Wood“ an. Im weitest übertragenen Sinne passiert auch genau das im Lied geschilderte Unglück und zieht alle in einen scheinbar bodenlosen Abgrund. Fast schon zu deprimierend werden hier Steine in den Weg gelegt, die überwunden werden müssen. Nur ob das gelingt, ist die eine Frage. Ob es literarisch funktioniert, die andere.

Was erst spät Einzug erhält, ist eine flüssige Erzählung. Und damit meine ich nicht die paar Zeitsprünge, die zwangsläufig stattfinden. Vielmehr werden drei Erzählungen nebeneinander gereiht, die sich regelmäßig ablösen. Auf diese Weise entsteht der Eindruck des stationären Abarbeitens einzelner Entwicklungsstationen. Dem Konflikt des Aufeinandertreffens zweier Handlungen wird bewusst aus dem Weg gegangen, was dem ganzen die dramatischen Spitzen raubt. Statt nach vorn zu preschen, presst sich die Geschichte immer wieder selbst in ein Vakuum, gerät ins Stocken und lässt nur wenig Raum, Empathien vollständig zu entwickeln. Das ist schade. Denn obwohl sich nun nicht behaupten lässt, es würde an (erotischem) Gefühl mangeln, so bleibt der bittere Nachgeschmack bestehen, dass hier sehr viel mehr rauszuholen gewesen wäre, wenn nicht so stur an dieser Struktur festgehalten worden wäre. Oder dient diese Methode dazu, den Leser nicht zu sehr selbst in diese Finsternis zu führen? Ist das der Reiz des Romans? Zu sehen, aber nicht am eigenen Leib zu spüren? Eine abgesicherte, weil distanzierte Art der Tortur, bedingt durch die Liebe? Wer weiß das schon.

Naokos Lächeln bietet alle liebenswerten Merkmale eines waschechten Haruki Murakami-Romans. Die innere Zerrissenheit, die Liebe zur Musik, das notwendige Fingerspitzengefühl, um das Wesentliche spürbar zu machen, sowie das Geheimnisvolle. Und doch schafft es dieser Roman nicht, vollends zu überzeugen. Zu distanziert und blass verliert sich der Schriftsteller in Belanglosigkeiten, die das Ganze in die Länge ziehen und wenig zum Thema zu sagen haben. Warum dieses Werk so populär im Vergleich zu anderen abschneidet, bleibt mir also noch immer ein Rätsel.

3/5 Punkte

Naokos-Laecheln---Haruki-Murakami-CoverNaokos Lächeln [Norwegian Wood]
Autor: Haruki Murakami
Erscheinungsjahr:  2003 (dts) / 1987 (jp)
Verlag: btb
Ausgabe: 26. Auflage Februar 2003
Seiten: 414
ISBN-13: 978-3-442-73050-6

Hier geht es zur kostenlosen Leseprobe.

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6 Kommentare zu “[Literatur] Naokos Lächeln (1987)”

    1. Ha, nein. Das wäre dann tatsächlich einem emotionalen Overkill gleichgekommen. Hatte immer einen anderen Roman dazwischengeschoben. Das „Problem“ besteht halt darin, dass immer und immer wieder mit den gleichen Kernpunkten gearbeitet wird. Egal was erzählt wird, du kannst dir sicher sein dass das und das und das darin vorkommen wird.
      Es ist schon gemein, gerade weil es (meist) so gut ist. Aber etwas Abwechslung muss wohl einfach sein.

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      1. Dachte ich mir auch, aber man kann ja nie wiesse, nicht? 😉

        Hm,ok, so ähnlich wie bei Taniguchi, der in so manchem Werk der Kindheit/Jugend und Familie „nachtrauert“ bzw. das mit einiger Wehmut erzählt. Wobei ich bei dem bisher keine Ermüdungserscheinungen hatte, vermutlich, weil die Pausen lang genug waren.

        Jupp, Abwechslung muss sein, und in ein paar Wochen/Monaten kannst du den nächsten Murakami eher genießen. 🙂

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        1. Na hoffentlich. 😉 Jetzt kommt ohnehin wieder genug Abwechslung mit Theoriegedöns, was den Effekt hfftl. verstärkt. Was mich nur wundert: Bei Filmen können die Pausen zwischen den Werken geschätzter Leute gar nicht groß genug sein, „damit ich länger was davon habe“. Aber hier? Hmm.

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          1. Theorie? Buwäh, das klingt schon so trocken. Ist es denn wenigstens in einem Bereich, der dich begeistert? 🙂

            Hm, Filme schaut man ja auch noch einmal anders als Bücher. Ein Aufwasch, zwei bis drei Stunden und gut ist. Ein Buch aber, das dauert. Vielleicht wirkt es deswegen auch stärker?

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