[Film] The Hateful 8 (2015 US)

Ich muss die nachfolgende Besprechung in zwei Teile aufgliedern, in der letzten Hälfte könnten sich leichte Spoiler in Bezug auf die Art des Films befinden. Aber das wird an entsprechender Stelle gesondert erwähnt.

The 8th Film by Quentin Tarantino – Allein diese Lettern während der Openingcredits deuten es schon an: The Hateful 8 ist ein selbstverliebtes Werk. Übelnehmen kann man es ihm ja nicht, dazu sind Tarantinos Filme zu markant, zu persönlich und unverkennbar mit seiner Handschrift versehen. Dennoch bleibt natürlich immer wieder die Frage, in welche Richtung sich seine Filme entwickeln werden. Denn ein Western ist nicht gleich ein Western, das bewies er bereits mit Django Unchained. Mit welcher Erwartungshaltung geht man also am besten ran an den Speck? Müssen zwangsweise die vorigen Filme vergessen werden, um nicht ständig werksübergreifende Vergleiche zu ziehen, ob er sich nun von hier oder dort hat inspirieren lassen? Ja und nein. Es ist nicht einfach, bei solch einem Kultregisseur wie Tarantino zu vergessen, was er sonst geleistet hat. Um aber in die Welt von The Hateful 8 einzutauchen, war es zumindest für mich unabdingbar, genau das zu tun – gerade da mir nach Kill Bill Vol.2 die Qualität in seinen Filmen verloren gegangen schien. Lange Rede kurzer Sinn: Egal wie… schwach ist ein zu harter Begriff… schwächelnd ich seine letzten beiden Filme auch sehe, auf seinen neuesten Streich war die Vorfreude unglaublich groß, wenn auch mit einer ordentlichen Prise Skepsis beladen. Aber dazu später mehr.

169 Minuten heißt es auszufüllen und auch wenn der Openingshot allein gefühlte drei Minuten in Anspruch nimmt, so schafft es The Hateful 8, der noch dazu zu den dialoglastigsten Filmen in Tarantinos Œuvre zählt, erstaunlich kurzweilig zu wirken. Zumindest in der ersten Hälfte, während die einzelnen Figuren präsentiert werden. Es wird viel gesprochen. Unendlich viel. Und doch wirkt das in keinster Weise ermüdend. Denn wenn sich Marquis Warren (Samuel L. Jackson), John Ruth (Kurt Russell), Daisy Domerghue (Jennifer Jason Leigh) und Chris Mannix (Walton Goggins) einander vorstellen, so reden sie nicht nur, sie erzählen Geschichten. Ob das nun alles wahr ist, oder nur erstunken und erlogen, es spielt keine Rolle. Sie geben dem Zuschauer schon früh etwas eigenes in die Hand, womit er lange Zeit beschäftigt sein wird. Womit er hadern oder dem ganzen Glauben schenken kann. Und bei dieser langen Laufzeit ist das eine zwangsläufige Notwendigkeit, die sich bis zum Aufeinandertreffen aller „Hateful 8“ in Minnies Miederwarenladen irgendwo in der Pampa Wyomings durchzieht.

Tarantinos Händchen für schrullige Einfälle mündet dann in besagtem Gemischtwarenladen, wenn sich das erwartete Kammerspiel von der Kutsche in eben diesen Laden verlagert und auf alle Beteiligten erweitert. Was mir handwerklich sehr zugesagt hat, ist das Ausloten jeder einzelnen Ecke dieses Ladens, die Nutzung des gesamten Raums. Ob nun allein durch die Misé-en-Scène oder ganz förmlich durch die Handlung selbst, wenn der Raum durch das entstandene Konfliktpotential salopp einfach geteilt wird. Im selben Atemzug sei daher auch die präzise Kameraarbeit von Robert Richardson erwähnt, der stets eine perfekte Beleuchtung schafft, selbst wenn draußen vor der Tür der heftigste Schneesturm tobt. Die klingende Ironie hier soll jedoch nur halbherzig gemeint sein, denn die Ausleuchtung verleiht dem ganzen etwas harmonisches, gemütliches und rückt zudem wichtige Details in den Fokus oder lässt sie in der Dunkelheit verschwinden.
Und genau das ist das Spannende an The Hateful 8. Die Intrigen und das vorherrschende Konfliktpotenzial zwischen jeder einzelnen Partei, dazu stets die Frage im Hinterkopf, wem man überhaupt trauen kann. Mit schnittigen Dialogen verschärft sich die Situation zusehends, ehe sie zu eskalieren droht. Ein Kammerspiel, das von den zahlreichen Geschichten lebt und die Fantasie in gleichem Maße anregt. Dabei ist es jedoch schade, dass sich die einzelnen Akteure nicht auf gleicher Höhe befinden. Samuel L. Jackson lässt wieder den Bad Motherf*cker raushängen und bringt diese grundlegende Coolness, die der 67 Jährige nun einmal ausstrahlt, wieder gekonnt rüber. Er gibt den Ton im Film an und dominiert über weite Strecken. So weit, so Tarantino eben. Wo er nun aber ins Taumeln gerät, nimmt bereits hier seinen Lauf. Neben Sam Jackson stechen einfach nicht alle Figuren so hervor, wie es sich für ein Kammerspiel dieser Sorte gebührt. Überraschend gut ist hier tatsächlich Walton Goggins zu nennen, aber ein Michael Madsen wird gnadenlos verschenkt. Da nimmt es der schweigsame Cowboy doch etwas zu ernst. Tim Roth, der hier glatt den Christoph Waltz macht, kommt ebenso zu kurz wie Bruce Dern, der wohl den gemütlichsten Schauspieljob der Welt abgegriffen hat. So ganz bequem am Kaminfeuer im Sessel sitzend. Am Ende bleibt das Gefühl, hier kaum mehr als eine One Man Show zu sehen, die mit einer Handvoll gelungener Momente von anderen Figuren versehen wird, welche zwar alle spezielle Züge tragen wie sie in einem Tarantino Standard sind, es aber letztendlich zu ermüdend wird, um wirklich etwas gegen das immer lascher werdende Drehbuch anzukämpfen.

Und nun betreten wir leichte Spoilerarea, für all diejenigen, die es vorziehen völlig unbedarft an den Film zu gehen.

Ziemlich genau zur Hälfte hin verändert sich dann die Situation in The Hateful 8. Als würde es Tarantino schon selber ahnen, kreiert er nun aus der Situation heraus eine Sherlock Holmes Einlage á la „Who dunnit“. Die aufgebauschte Konfliktatmosphäre erreicht ihr erstes Hoch, ebenso die ersten Gewaltausläufer. Zu letzterem später mehr. Natürlich ist es wieder Jackson, der die Führung übernimmt und die anderen wortwörtlich an die Wand drängt. Hier hätte ein frischer Impuls durch einen anderen Charakter aus meiner Sicht mehr Spannung und Interesse erzeugen können, als diese doch recht ernüchternde Art der Wende, wie sie stattdessen zum Einsatz kommt. Um in dieser genannten Wende für mehr einschlägige Schauwerte zu sorgen, dreht Tarantino nun zusätzlich auch an der Gewaltschraube. Dagegen ist das Prügelknabenopfer Daisy Domerghue ein wahrer Engel, so oft wie ihr der Gewehrkolben oder ein Ellbogen in die Visage gerammt wird. Übrigens eine ansehnliche Performance von Jennifer Jason Leigh, die die abgedrehte Gangsterbraut ganz vorzüglich und irre verkörpert. Und singen kann sie…
Wer bereits im Finale zu Django Unchained die Wände beschmierenden Blutfontänen Leid war, der dürfte hier an seine Grenzen geführt werden. The Hateful 8 ergötzt sich an einem Gewaltexzess, der sich durch die komplette zweite Hälfte zieht und sich nicht zu schade darum ist, das alles ins absurd lächerliche und Bodenlose abdriften zu lassen, dass es regelrecht peinlich und einfallslos wirkt. Statt überhaupt etwas Kerniges vom Stapel zu lassen, werden in derben Overacting Blutschwälle über den Dielenboden verteilt, um von der mangelnden Finesse abzulenken. Als ob da ein geleckter Channing Tatum im Cowboy-Kostüm noch etwas reißen könne. Genauso wenig vermag die Musik zu locken, welche doch sonst immer so exotisch und dominant gewählt ist. Es ist fast schon der leiseste Film im Œuvre Quentin Tarantinos, und tatsächlich blieben mir gerade einmal zwei Stücke im Gedächtnis haften. Und das eine Stück auch nur, weil es sonst nicht viel Abwechslung für die Augen gab. Aber was sag ich da: Musikalisch war es doch genauso – trotz dem Maestro Ennio Morricone.

The-Hateful-8---Tim-Roth---Walton-Goggins-(via-imdb
Und das Licht in der Hütte stimmt

The Hateful 8 ist schon fast ein zu gewöhnlicher Tarantino, der zwar durchaus einen netten Westerncharme aufweist, jedoch in der zweiten Hälfte nicht auch zuletzt wegen der zu lächerlich geratenen Gewalt schlichtweg langweilt. Die gewohnte Prägnanz, ob durch Dialoge, Musik oder Handlungen erreicht, eliminiert sich selbst zu häufig, wodurch sich die Filme des Kultregisseurs doch sonst regelmäßig grandios auszeichnen. Ein Esprit, welcher hier zusehends ab geht.

5,5/10 Punkte

The-Hateful-8---Poster-(via-imdbThe Hateful 8
Jahr: 2015 US
Laufzeit: 167 Minuten
Regie & Drehbuch: Quentin Tarantino
Musik: Ennio Morricone
Kamera: Robert Richardson
Cast:
Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Demián Bichir, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern, James Parks, Dana Gourrier, Zoë Bell, Lee Horsley, Gene Jones, Keith Jefferson, Craig Stark, Channing Tatum

Bilder via imdb.com; kino.de [© 2015 The Weinstein Company | Universum Film (Disney)]

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10 Kommentare zu „[Film] The Hateful 8 (2015 US)“

  1. So, so. Also auch nicht übermäßig angetan. Ich mochte ja am Film eigentlich die meta-Ebene und den politischen Gehalt am meisten – oberflächlich hat der mich aber einfach nicht abholen können und sehr unbeteiligt zusehen lassen.

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  2. Ich fand den Film richtig richtig gut!!! Und die Musik hat doch wirklich ausgezeichnet gepasst!? Die sonst zeitgenössische Musik, die Tarantino sonst benutzt, wäre hier doch einfach fehl am Platze gewesen… Sie ordnet sich hier auch einfach der Atmosphäre unter und bleibt eher unterschwellig…

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    1. Anders als bei anderen Filmen ging die Musik meist leider völlig vorbei. Hätte ich letztens nicht nochmal die Tracklist durchgeguckt, dann hätte ich glatt die letzten beiden Songs vergessen, die zwar wunderbar gepasst haben, aber einfach nicht im Kopf abgespeichert werden wollten. Außerdem sage ich ja nicht, dass zeitgenössische Musik besser gepasst hätte. Aber bei Django Unchained hat er es ja auch superb hinbekommen.

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