The Host (2006 KR)

Oh oh oh, The Host ist so eine herrlich groteske Monsterdramödie, die unter ihrer trashig anmutenden Aufmachung so viele soziokulturelle und historische Aspekte behandelt, dass ein genauerer Blick darauf nicht schaden kann.

Wenn man sich auf einschlägigen (Film)Portalen umschaut, dann wird schnell deutlich, dass es bei diesem Film nur zwei Seiten geben kann: Entweder man liebt ihn, oder man kommt mit der eigenwilligen Art nicht zurecht. Doch wenn man nur etwas genauer hinschaut, werden so viele satirische Spitzen auf die koreanische Gesellschaft, sowie die höchst bewegte Landesgeschichte verbildlicht, als man es von einem Monsterfilm je erwarten würde. Tatsächlich gibt sich der Film so bissig, dass man sich schon nahezu schuldig fühlt, an den präzise platzierten, humorvollen Stellen zu lachen.

Bong Joon-ho, dem Westen besser bekannt für seinen Endzeitfilm Snowpiercer und die Netflix-Produktion Okja, hat im Jahr 2006 seine Heimat ordentlich auf den Kopf gestellt. Als einer der letzten großen Debütanten im Zuge der New Korean Wave war The Host sein zweiter Spielfilm und direkt ein Kassenschlager auf dem heimischen Markt, was dem koreanischen Blockbusterformat neue Impulse liefern sollte.

Mit einer fixen Einstellung in einem abgelegenen, Pathologie-ähnlichen Kellerlabor nimmt das Übel seinen Lauf, als ein amerikanischer Wissenschaftler seinem koreanischen Unterstellten den Befehl erteilt, die längst eingestaubten Formaldehydreste zu entsorgen – natürlich auf ökologisch unratsame Weise. Das Protestieren seitens des Koreaners wird geblockt, das Formaldehyd im Abguss entsorgt (wer nun ganz quer denken möchte, der könnte hierin Rückschlüsse und eine indirekte Kritik am koreanischen Filmgeschäft ziehen, welches sich nie geradlinig und frei von politischen Einfluss entwickeln konnte – Stichwort: Screen Quota System, welches Ende der 60er etabliert und seitdem immer weiter angepasst wurde, um den heimischen Filmmarkt vor westlichen (amerikanischen) Importfilmen abzusichern). Es ist, als wüsste der junge, koreanische Wissenschaftler schon ganz genau, was darauf folgen wird. Ironischerweise steckt in dieser Anfangssequenz schon unheimlich viel drin: Die Amerikaner, die das Sagen an sich reißen, der Koreaner, der sich trotz Protest fügen muss (was auch an späterer Stelle noch deutlicher wird) und vor allem eine ästhetische Feinheit, mit der aus Kamerabewegungen Lacher evoziert werden.
Überhaupt lohnt hier eine engere Betrachtung der Kameraarbeit von Kim Hyung-Gu, die sehr auf eine dynamische Bewegungsstruktur bedacht ist (ähnlich wie sieben Jahre später auch in Snowpiercer).

Doch Kernstück von The Host ist die Familie Park: Während der Vater (Byun Hee-Bong) mit seinem Kiosk am Fluss Han den Lebensunterhalt verdient und dabei seinen ältesten Sohn und Taugenichts Gang-du (Song Kang-ho) im Auge behält, schläft dieser wiederum die meiste Zeit und muss seine jugendliche Tochter (Ko Ah-Sung) im Alleingang großziehen. Irgendwas lief beim Sohnemann falsch, doch was genau, das weiß niemand. Stattdessen muss er verbale Prügel einstecken und das auch noch von seinen jüngeren Geschwistern (Park Hae-il und Bae Doo-Na), die es im Leben in den entscheidenden Momenten aber auch nie wirklich auf die Reihe bekommen haben. Alle leben sie ihre mal mehr, mal weniger erfolgreichen Leben, ehe die große Katastrophe die Flussstadt heimsucht: Ein mutiertes Amphibienwesen, welches sich durch die Flussbänke Seouls frisst und sich die Familie Park zum Feind macht.

The Host rockt schlicht und ergreifend. Geradlinig und temporeich, an Stellen aber auch bewusst „trashig“ gehalten, vereint der gemeinsame Kampf gegen das Flussmonster eine entzweite Familie, in der jeder seine eigenen Hintergründe für persönliches Scheitern herumträgt. Oft genug lassen sich dabei Parallelen auf den erbitterten Kampf für einen demokratischen Wandel in Korea beobachten. Der kleine Bruder, welcher von aufgeregten Studentenprotesten erzählt, der Vater, der nie Zuhause war, der große Bruder, der unter dem System leidet und mit (geklautem) Kleingeld über die Runden zu kommen versucht…doch irgendwie gelingt es ihnen, zusammenzurücken und mit vereinten Kräften gegen die vielen Widrigkeiten anzugehen. Denn zuletzt ist es nicht das Monster, welches es hier vordergründig zu bekämpfen gilt: Die größten Antagonisten, das sind korrupte Regierungsbeamte, eigensinnige Ärzte und andere Staatsdiener, die allesamt eigene Motive verfolgen und den Kampf gegen das Monster suchen. Sie suchen einen passenden Sündenbock, der viel leichter zu deklarieren ist, als ein Monster, das sich in der Kanalisation versteckt. Nicht der Kern des ganzen ist das Ziel, vielmehr gilt es darüber, über das große und ganze die Kontrolle zu behalten. Nichtsahnend, dass sie nur inkompetent handeln können, solange sie an ihren Positionen festhalten wollen. Es fällt nicht schwer, an die Zustände während der Militärdiktatur in Korea in den 1980er Jahren zu denken.

Bong Joon-ho zeigt am Ende, dass es die junge Generation ist, die das Monster zielstrebig bekämpft und trotz zahlreicher Schwierigkeiten einen kleinen Sieg für sich davonträgt. Auch wenn der „Host“ am Ende noch lebt und das Monster im Schatten weiterlebt: Kleinzukriegen ist der „gemeine Mann“ nicht und die Helden der Geschichte, das sind die gewöhnlichen Menschen.

9/10 Punkte

[Film]-The-Host-(2006-KR)-PosterThe Host [Gwoemul; 괴물]
Jahr: 2006 KR | Laufzeit: 119 Minuten
Regie: Bong Joon-Ho | Drehbuch: (+) Hah Jun-Won, Baek Chul-Hyun
Kamera: Kim Hyung-Gu
Musik: Lee Byung-woo
Cast:
Song Kang-Ho, Byun Hee-Bong, Park Hae-Il, Bae Doo-Na, Ko Ah-Sung, Lee Jae-Eung, Park No-Shik, Yoon Je-Moon

Bilder [© MFA+ Filmdistribution]

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10 Kommentare zu „The Host (2006 KR)“

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