[Literatur] Intrige (2013)

Jaja, ihr wisst ja seit meinen Buchempfehlungen, dass ich wohl einen unterbewussten Hang zu Büchern habe, deren Cover sich auf die Farben schwarz, rot und weiß beschränkt… Jedenfalls ist Intrige von Robert Harris einer dieser Romane, die mir keine Ruhe ließen, wann auch immer ich den Blick durch den Buchladen schweifen ließ. Immer wieder in der Hand gehalten, Klappentext gelesen und wieder zurückgelegt. Und dann folgte doch der beherzte Griff. Was für ein Glück! Doch wovon handelt es?

Der britische Historienautor Robert Harris greift in Intrige den womöglich größten Irrtum in der Geschichte des Justizsystems auf: Aus der Sicht des französischen Offiziers Marie-Georges Picquart wird die Affäre rund um den vermeintlichen Landesverräter Alfred Dreyfus neu aufgerollt. Ein Justizskandal, der erst in Frankreich Ende des 19 Jahrhunderts und später sogar weltweit für großes Aufsehen sorgte und die französische Regierung in schwerwiegende Bedrängnis brachte. Denn diese haben Dreyfus, einen Juden, für seine Taten zu lebenslanger Haft auf die sogenannte Teufelsinsel verbannt.
Wie weit ist Geheimdienstchef Picquart bereit zu gehen, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen und sich dabei selbst ins Fadenkreuz der Behörden zu begeben?

Was erwartet man von solch einem Stoff, der sich noch dazu als Hard-History bezeichnen lassen könnte…Dialoglastigkeit? Trockene Passagen? Erschlagende Komplexität? Weder noch, auch wenn diese Vorurteile sicher dazu beigetragen haben, den Roman erst so spät zu kaufen. Aber es ist doch ganz anders als gedacht.

„Ich lese den letzten Absatz noch einmal. Etwas ist sonderbar daran. Ich begreife, was er tut. Vordergründig schreibt er seiner Frau. Da er aber weiß, dass seine Worte bis dahin durch viele Hände gehen, sendet er auch eine Botschaft an die Lenker seines Schicksals in Paris; also an mich, obwohl er sicher nie geahnt hätte, dass ich an Sandherrs Schreibtisch sitzen könnte. Lasst die, welche über wirksame Methoden der Nachforschung verfügen … Das ändert zwar nichts an meiner Überzeugung, dass er schuldig ist, aber es ist eine clevere Taktik. Sie bringt mich zum Nachdenken. Der Bursche gibt jedenfalls nicht auf.“

Harris, der sich erstaunlicherweise nicht der Geschichte als Studienfach, sondern lediglich der englischen Literatur widmete, überrascht mit einem Feingefühl des Worldbuildings. Er lässt das Frankreich des 19. Jahrhunderts, insbesondere Paris, lebendig erscheinen, ohne sich dabei in Details zu verzetteln und zu sehr abzuschweifen. Zwar besteht ein Großteil dessen aus schlichtem Namedropping von Straßennamen, doch wenn beispielsweise die „Rue de ‚l’université“ genannt wird, dann hat man selbst als Straßenunkundiger eine vage Ahnung, wo man sich gerade befindet. Es zeichnet sich ein lebhaftes Bild der Straßen von Paris im Kopf des Lesers ab, ohne zu sehr der eigenen Fantasie beraubt zu werden. Genauso verhält es sich mit den Figuren: Das nötigste wird uns an die Hand gegeben, der Rest bleibt dem Kopfkino überlassen.
Obwohl wir den Fall aus Sicht des französischen Offiziers Picquart neu aufrollen, also auch ein wenig privates über den Junggesellen erfahren, steht doch ganz klar der Fall Dreyfus im Fokus, ohne jedoch zu erschlagend und komplex zu werden.
Dabei lässt sich der Roman in zwei Teile gliedern: Zum einen in die Untersuchung des Falles durch Picquart und zum anderen in die juristischen Scharmützel, die aus Teil 1 resultieren. Das spannende dabei ist, zu sehen wie simpel sich die geheimdienstliche Spionage damals (um 1895) verhielt, aber auch zu welchen Ergebnissen solch einfache Methoden führten. Nach und nach setzen sich die unterschiedlichen Beweise unter Geheimdienstleiter Picquart zusammen und liefern ein eindeutiges Bild ab. Doch was soll der ehrenhafte Mann davon halten und wie wird er weiter vorgehen, wo ihm seine Vorgesetzten doch einen Riegel vor angestrebte weitere Ermittlungen vorgeschoben haben? Nimmt Picquart den aussichtlosen Kampf gegen die oberste Riege des Militärstabs, sowie dem Kriegsminister selbst auf, um die Wahrheit ans Licht zu bringen?

Intrige ist spannend. Es ist ein waschechter Pageturner, der schnell eine Sogwirkung entwickelt, je mehr sich die (vermeintlichen) Beweise verdichten. Obwohl ich anfangs noch große Zweifel hegte, ob dieser Stoff als Historienroman nicht vielleicht etwas zu trocken sein könnte, setzte schnell das Gefühl von Erleichterung ein. Dadurch dass der Leser (vorausgesetzt er kennt den Fall noch nicht präzise) alles aus der Sicht Picqarts erfährt und erlebt, stellt sich zügig eine brisante konfliktgeladene Atmosphäre ein, die langsam aber sicher immer stechender wird. Zu sehen wie sich die Beziehungen untereinander verfinstern, wo sie doch am Anfang noch so vielversprechend erschienen, ist erschreckend und faszinierend zugleich. Zu sehen, wie ein aufstrebender Mann in plötzliche Ungnade fällt, nur weil er seiner aufgetragenen Pflicht nachkommt, noch mehr. Die politischen Strömungen mögen sich vielleicht wie der Wind drehen, doch einige Aspekte, wie der zu der Zeit vorherrschende Judenhass, werden mit kleinen Einschüben so perfekt und authentisch auf den Punkt gebracht, dass es schon fast unangenehm wird und der Zeitgeist in einem vom Krieg (1870/71) gebeutelten und noch immer spannungsgeladenen Frankreich lebendig erscheint. Zwar wird auch hier nicht alles bis ins kleinste Detail durchexerziert und bei manchen Figuren bedient sich der Autor dramaturgischer Eingriffe, doch die wichtigsten historischen Stationen finden akkurate Erwähnung und gestalten den Lesespaß für Historienfreunde umso interessanter. Doch auch abseits der Falldurcharbeitung begibt sich die Geschichte auf kleine Reisen, was nicht nur für Abwechslung sorgt, sondern auch das weitreichende Geflecht dieser Zeit so genussvoll und lesenswert macht.

„Einen neuen Schlüssel für den Garten des Hôtel de Brienne bekomme ich nicht. Wenn ich den Minister sprechen will, muss ich einen Termin vereinbaren. Und obwohl er mich immer herzlich empfängt, ist sein Verhalten mir gegenüber doch eindeutig reserviert. Das Gleiche gilt für Boisdeffre und Gonse. Ich habe nicht mehr ihr volles Vertrauen – zu Recht.“

Robert Harris legt seinen Lesern mit Intrige ein spannendes und faszinierendes Zeitdokument zur Dreyfus-Affäre vor, in dem Geschichte wahrlich lebendig wird. Nicht nur für Freunde der Historie ein Muss, sondern für alle, die sich auf eine wendungsreiche und intelligent konzipierte Aufarbeitung einer wahren Geschichte begeistern können.
Nach diesem Roman darf sich Harris sicherlich in die Reihe meiner Lieblingsautoren eingliedern.

5*/5 Punkte

Falls sich jemand für den historischen Hintergrund interessiert, dem empfehle ich die illustrierte Review von Goodreadsuser Jeffrey Keeten (englisch). Doch Achtung, Spoiler.

Intrige---Robert-Harris-Cover-(via-randomhouse)
© Heyne / randomhouse

Intrige [An Officer and a Spy]
Autor: Robert Harris
Erscheinungsjahr: 2013 (dts)
Verlag: Heyne
Ausgabe: 4. Auflage 2015
Seiten: 622
ISBN-10: 3453438000
ISBN-13: 978-3-453-43800-2

Leseprobe (via Heyne / randomhouse)

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12 Kommentare zu „[Literatur] Intrige (2013)“

  1. Tja, Dreyfuss ist so ein Schandfleck französischer Geschichte. Und da die Geheimdienste mit drinstecken, wird es eben besonders appetitlich.Ob man in hundert Jahren auch einen Roman über BND, NSA und Angie schreiben wird?

    Danke für den Literaturtip, ich werde die Augen offen halten. 😉

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      1. Tja, so wie bei Harry Wörz. Solche Justiz-„Irrtümer“ gibt es heute leider auch noch. Vor ein paar Tagen stand auf Spiegelonline, dass ein Dachdecker wegen Entführung/Mord(?) angeklagt wurde, obwohl ein Ex-Polizist ebenfalls verdächtigt wurde. In diese Richtung zu ermitteln wurde von den Vorgesetzten allerdings untersagt. Was soll man da noch denken…

        Ja, vermutlich schon. Die Frage ist halt, wan herauskommt, warum da so extremst gekatzbuckelt wird? Ich mein, unsere Regierung macht so dermaßen einen auf Bückstück.

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        1. Das ist nunmal der Irrglaube anzunehmen, dass es heutzutage noch Geheimnisse gäbe: „Es gibt keine Geheimnisse mehr – keine richtigen, nicht in der modernen Welt, nicht seit es Fotografie, Telegrafie, Eisenbahnen und Zeitungpressen gibt. Die alten Zeiten, in denen sich ein innerer Kreis Gleichgesinnter mittelst Pergamentpapier und Federkiel untereinander austauschte, sind vorbei. Früher oder später kommt alles ans Licht.“ Und heute ist alles ja noch schneller, verzweigter. Der Selbstschutz durch Vertuschung wird immer explosiver, je länger es bedeckt gehalten wird. Das weiß jeder und doch versteht es niemand.

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          1. Ja, wobei es manche doch noch schaffen, ich sag nur Mogelmappus, ENBW und Schwarzer Donnerstag. *seufz*
            Aber durch technische Möglichkeiten steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese schmierigen Geschichten ans Tageslicht gelangen.

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  2. „Feingefühl des Worldbuildings“

    stimmt, genau das ist es! Ich hab ja schon länger von Harris geschwärmt (:p), wusste aber nie so recht, wieso, weil seine Geschichten an und für sich betrachtet meist relativ mäßig sind, ich habs bislang auf die schwer fassbare Atmosphäre geschoben. Aber da hast du absolut recht, es ist die Art und Weise, wie er seine Welten erschafft und lebendig werden lässt

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    1. So viel kenne ich von ihm ja noch nicht. Aber gerade in „Intrige“ war ich von diesem „Worldbuilding“ extrem begeistert. Vielleicht weil er genau die richtigen Worte findet um nur das nötigste zu beschreiben? Ich mein, er nennt eine Straße, schreibt wie die Figur eine Droschke verlässt und beschreibt dann mit ach und krach die Fassade. Aber das macht er so feinfühlig, dass ich sofort ein extrem präzises Bild davon im Kopf habe.
      Mittlerweile weiß ich übrigens, was du mit schwer fassbare Atmosphäre meinst: Mit „Vaterland“ tue ich mich noch immer schwer (bin nicht mal über Seite 80 hinaus), aber die Atmo ist extrem unbehaglich und ausladend- und dabei so passend für das Setting. Hier wird es schon zweischneidiger…

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